AG Digitales Publizieren

Mit der zunehmend selbstverständlichen Nutzung digitaler Ressourcen rückt auch die Frage nach einer adäquaten Form des digitalen Publizierens in der Wissenschaft ins Blickfeld. Denn es liegt eine Widersprüchlichkeit darin, auf der einen Seite DH Methoden wie Textmining zu nutzen, auf der anderen Seite aber traditionelle Publikationswege zu beschreiten, die solche Verfahren nahezu ausschließen; zudem bieten digitale Veröffentlichungsformen Potenziale für offenere und zugleich präzisere wissenschaftliche Erkenntnisprozesse, die genutzt werden sollten.
 
Die AG Digitales Publizieren der DHd hat sich daher der Frage angenommen, wie eine Publikation unter den gewandelten Medienbedingungen aussehen sollte und welche Anforderungen an deren Urheber, Intermediäre (z.B. Verlage, Bibliotheken, Rechenzentren bzw. im Allgemeinen Publikationsplattformen oder Repositorien) und Rezipienten zu stellen sind. Es geht dabei nicht nur um eine Neubewertung der medialen Form, sondern auch um die Frage nach dem Nutzungskontext sowie ihrem Produktion- und Rezeptionszyklus. Die wissenschaftliche Publikation selbst unterliegt einem Prozess der Neudefinition, weil typische Medieneigenschaften gedruckter Produkte nicht mehr ohne weiteres gelten. Traditionelle Formen wie die Monographie oder der Zeitschriftenartikel verlieren ihren Ausschließlichkeitsanspruch, da im Prinzip alle digitalen Präsentationsformen, die im wissenschaftlichen Diskurs auftreten, als wissenschaftliche Publikationen angesehen werden können. Digitale Publikationen spielen weit mehr als ihre analogen Vorbilder in andere gesellschaftliche Gruppen der nicht wissenschaftlichen Öffentlichkeit hinein und können gerade durch kollaborative Publikationsformen (Social Media) in einen offenen Diskurs mit Politik, Wirtschaft, Recht und Kultur treten. Umgekehrt hat die grundsätzliche Offenheit der Publikation Rückwirkungen auf die Wissenschaft, indem durch gewandelte Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen neue Publikationskulturen entstehen, die laufende Diskurse weit besser abzubilden vermögen und ein höheres Maß an disziplinärer Durchlässigkeit erzeugen. Doch dieser Prozess ist nicht ohne Risiken. Inter- und Transdisziplinarität erzeugen bisweilen Ungenauigkeiten in der Terminologie und die weithin ungefilterte Offenheit des Mediums wirft kritische Fragen der Qualitätssicherung auf, da die althergebrachten, der gedruckten Publikation vorgeschalteten Mechanismen nicht mehr ohne Weiteres greifen.
 
Dennoch sind die Vorteile und der Mehrwert des Digitalen evident. Digitale Texte sind leicht aufzufinden, leicht durchsuchbar und im Idealfall schrankenlos kopierbar. Sie bieten damit die beste Möglichkeit zu einer breiten Distribution, Rezeption und Nachnutzung durch Textmining- oder andere analytische Verfahren. Anders als gedruckte können digitale Publikationen fortgeschrieben werden, ohne ihre Referenzierbarkeit verlieren zu müssen (durch Versionierung). Sie lassen sich mit anderen Texten verknüpfen (Hypertext) und können auf der Basis geeigneter Vokabulare bzw. Ontologien in eine maschinell auswertbare semantische Beziehung mit anderen Dokumenten und Gegenständen treten (semantic web). Die strengen, seinerzeit durch das Trägermedium bestimmten Grenzen der Texte brechen auf und lassen die Übergänge zu anderen Texten und Objekten gleitend werden. Die Natur des Textes selbst wandelt sich und die bei digitalen Dokumenten favorisierte Trennung von Struktur- und Layoutschicht (z.B. mittels XML/XSLT) verlangt nach einer neuen Form des ‚strukturellen’ Lesens und Schreibens, die einerseits die ‚Bedeutung’ von Textteilen (z.B. durch Markup) weit eindeutiger als zuvor zu explizieren erlaubt, andererseits die Oberfläche eines Textes zugunsten bedarfsbezogener Anzeigevarianten flexibilisiert. So sind Texte nicht mehr einem starren Präsentationsregime (Druckbild) unterworfen, sondern lassen sich, kombiniert mit anderen Texten und Paratexten, nach Leser- und Nutzerwunsch in der Anzeige neu gestalten, gliedern oder ordnen. Gleiches gilt für Publikationsformen, die nicht auf traditionellen Vorstellungen vom Text aufbauen, wie etwa Visualisierungsgrafiken, nicht-textuelle digitale Artefakte, Bilder usw., die als neue Phänomene eigens zu adressieren sind. Allerdings treten bei multiauktorialen oder kollaborativen Text- und Datengebilden Probleme der Autorschaft und Autorisierung bzw. Verantwortung auf, die durch Differenzierung der jeweiligen Rollen im digitalen Publikationsprozess gelöst werden müssen.
Eine Schlüsselfunktion nehmen bei allen digitalen wissenschaftlichen Publikationen Open Access (OA) und freie Lizenzmodelle (z.B. nach Creative Commons) ein. Beide schaffen die Voraussetzungen für barrierefreies Forschen und werden damit zu zentralen Bedingungen wissenschaftlichen Publizierens. Gleichermaßen wichtig ist eine Qualitätssicherung, die sich auf möglichst offene Review-Verfahren und differenzierte Relevanzbewertungen stützt (die bislang in MINT-Fächern primär mit einem Impact-Faktor verbunden waren, der in den DH einer inhaltlichen Neubestimmung bedarf). Drängend Probleme sind die Nachhaltigkeit bzw. Langzeitarchivierung und die Zitierfähigkeit digitaler Publikationen.
 
Im Einzelnen befasst sich die AG derzeit mit folgenden Fragestellungen:

  • Versuch einer Begriffsbestimmung: Was ist eine wissenschaftliche digitale Publikation?
  • Hintergrund: Wandel der wissenschaftlichen Kommunikationsstrukturen
  • Der Mehrwert des Digitalen: Strukturelles Schreiben, Hypertext, semantic web …
  • Stabiles Wachstum: Versionierung und Zitierfähigkeit
  • Kollaborative Textproduktion, Annotation und Kommentar
  • Qualitätssicherung, Review-Prozess, Impactmessung
  • Rechtliche, ökonomische und institutionelle Fragen zur Distribution und Open Access
  • Der Wandel wissenschaftlicher Autorschaft und Erkenntnisprozesse
  • Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit
  • Best practice Beispiele
  • Empfehlungen an Förderer und Träger

Kontakt/Convenor

Walter Scholger
Zentrum für Informationsmodellierung
Austrian Centre for Digital Humanities
Universität Graz
A-8010 Graz | Elisabethstraße 59/III
Tel: +43 316 380 2292
Email: walter.scholger@uni-graz.at

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